Starkes zweites Album
von
HD Schellnack
Philipp Nykrin hat ja qua Geburtsort – Salzburg – die Musik sozusagen schon fest im Blut und mit Common Sense jetzt sein zweites Album vorgelegt, gemeinsam mit seinen Kumpanen Herbert Pirker am Schlagzeug, Andi Tausch an der Gitarre und Jojo Lackner am Bass. Es ist schwer, der klassischen Jazzquartett-Besetzung noch neue Facetten abzugewinnen, aber Nykrins Kompositionen merkt man bald an, dass der Pianist auch in Soul- und HipHop-Formationen Erfahrungen sammeln konnte und dass vor allem auch Tauschs Gitarre in diesem Kontext fast unsichtbar funktioniert, alles andere als die übliche Jazzgebimmel-Softness abliefert, sondern fast wie ein Synthesizer fungiert, dezent das zentrale Trio unterstützend. Nykrin und Co holen aus ihren Möglichkeiten ein Maximum an Bandbreite heraus, klingen streckenweise wie drei vier verschiedene Bands. Brooklyn Bound etwa wippt federleicht groovend vorwärts, gibt vor allem Pirker Raum für charmante Shuffle-Details uns schöne HiHat-Details. Überhaupt nutzt das Trio die Möglichkeiten der kleinen Besetzung exzellent aus und schon im Intro macht Lackner mit tief brummenden Bass-Sounds (unterstützt von minimalistischen Synth-Details) klar, dass er eine ganz eigene Stimme in dieser Besetzung entwickelt, ebenso wie Pirker dazu neigt, sich Nykrins Vorgaben zu eigen zu machen und zu reinterpretieren. Der Titeltrack ist dann eine ganz sparsame, fast klassische Jazznummer, die sich leicht nach vorn tastet, aufbaut und einen wunderbaren Reichtum entwickelt, thematisch zu mehrfachen Hören einlädt. Einen Hauch von E.S.T., aber gebremst, salonfähiger, kann man da durchhören. Not Yet beginnt als hingehauchte Klavierskizze, so simpel wie Nykrins Portrait auf dem Cover, HipHop in E zeigt dafür eine grandios sperrigere Seite, mit einem recht stumpfen Beat, leichten Synthtupfern, und einem rhythmisch faszinierenden Piano/Bass-Geflecht, das nur noch dem Namen nach HipHop ist, aber auch keineswegs mehr reiner Jazz - was immer das sein sollte. Nykrin und seine beiden Mitstreiter fusionieren also ganz postmodern, wie sich das für guten Jazz ja gehört, ihre Einflüsse, ihre Inspirationen und Inputs, zu etwas Neuem, das glücklicherweise zugleich smart und intelligent klingt, keineswegs nur reines Jazzgeklimper ist, andererseits aber auf der Höhe der Zeit und mit genügend Pop getränkt, um einfach auch Spaß zu machen. Die dekonstruktiven Breaks in den Stücken, die architektonisch-experimentelle Konstruktion der Tracks sind keine selbstverliebten Experimente, sondern erschaffen die Musik scheinbar in Echtzeit und dienen ihr stets, halten die Dinge in einem Schwebezustand, wo hinter jeden neuen Ecke eine andere Überraschung warten kann. Das Ergebnis ist ein zeitgemäßer Jazz, der weder zu verkopft noch zu banal ist, sondern genau die richtige Mischung für verdammt gut hörbare Musik abliefert.